Das Berliner-Seminar von 1996 1995 setzte sich die europäische Forschungsgruppe, die unter Beteiligung von neun Ländern die laufende MCS-Vorstudie durchführte, nachdrücklich für folgendes ein: Vielleicht am dringendsten ist die Notwendigkeit, Anfang 1996 eine kleine Zahl (30 - 50) von Teilnehmern aus Europa und Nordamerika zu einem Arbeitsseminar einzuladen, um die bisherigen Erfahrungen und Beweise für die Empfindlichkeit gegenüber chemischen Substanzen zu besprechen und Empfehlungen für künftige Forschungsarbeiten zu geben. Zu den eingeladenen Teilnehmern sollten erfahrene Forscher, Fachleute, Angehörige staatlicher Stellen und politische Entscheidungsträger gehören. Sowohl Befürworter als auch Kritiker von MCS sollten eingeladen werden. Das Seminar sollte so gestaltet werden, daß Beiträge, Erörterungen, Dialoge und Meinungsverschiedenheiten in einem wohlgegeliederten, straffen und konstruktiven Ablauf dargeboten werden. Soweit wie möglich sollte das Seminar den Teilnehmern helfen, Meinungsverschiedenheiten beizulegen und sich über gemeinsame Forschungsprioritäten zu einigen. (Ashford et al. 1995, mit Nachdruck). Diese Empfehlung der Europäischen Kommission wurde nicht befolgt. Statt dessen wurde im Rahmen des Internationalen Programms zur C-Sicherheit (IPCS - International Programme on Chemical Safety) mit Unterstützung deutscher Wissenschaftler und leitender Regierungsbeamter und in Zusammenarbeit mit drei deutschen Dienststellen, dem Bundesgesundheitsministerium, der Bundesanstalt für den Gesundheitsschutz auf dem Verbrauchersektor und in der Veterinärmedizin (BGV V) und dem Umweltbundesamt (UBA) im Februar 1996 in Berlin eine Konferenz durchgeführt. Das IPCS wird gemeinsam unterstützt von dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) und der Weitgesundheitsorganisation (WHO). Geladene Teilnehmer aus Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada lieferten Beiträge zu dem Seminar, und es nahmen auch Vertreter einiger sogenannter nichtstaatlicher Organisationen (NG0s) teil. Die Konferenz war von Anfang an einseitig besetzt, da vier eingeladene Vertreter nichtstaatlicher Organisationen aus der Industrie und keiner von Umweltschutz-, Verbraucher-, Arbeitnehmer- oder sonstigen Gruppierungen des öffentlichen Sektors kamen. Es waren keine Vertreter von MCS-Patienten, Umweltgruppen oder Gewerkschaften an dem Seminar beteiligt. Die dreitägige Konferenz hatte den Zweck, Informationen über MCS zu prüfen, um festzustellen, ob es sich bei MCS um ein Syndrom handelt; Zusammenhänge mit anderen umweltbedingten Erkrankungen zu untersuchen; mögliche ätiologische Faktoren festzustellen und um Diagnosen, diagnostische Tests, Differentialdiagnosen und Behandlungsansätze zu diskutieren. Ad-hoc- Ausschüsse, zu denen die Vertreter nichtstaatlicher Organisationen aus den vier internationalen Gesellschaften gehörten, bei denen potentielle Interessen auf dem Spiel standen, traten zusammen, um Probleme zu bearbeiten, und legten der Gesamtkonferenz ihre Berichte vor. Die vier "Vertreter nichtstaatlicher Organisationen" waren Vollzeitbeschäftigte von BASF, Bayer, Monsanto und Coca Cola; die Vertreter der ersten drei Unternehmen führten ihre Verbindung zu einem von der Industrie finanzierten wissenschaftlichen Institut (dem Europäischen Zentrum für Umwelt und Toxikologie) an. Ein Berater der US-Industrie, Ronald Gots (der Leiter des im vorhergehenden erwähnten firmenfinanzierten Environmental Sensitivities Research Institute), der lautstark darauf bestand, daß es sich bei MCS nur um eine geistige Störung handelt (Gots 1996), war nicht nur Vollzeitteilnehmer bei dieser internationalen Konferenz, sondern sollte auch den "Standpunkt der Vereinigten Staaten" zu MCS darlegen, obwohl er keinerlei echte, von Gleichrangigen geprüfte Forschungsarbeiten über MCS veröffentlicht hat. (Ronald Gots ist nicht nur Leiter eines gegen MCS gerichteten "Forschungsinstitutes", sondern leitet auch, wie im vorhergehenden erwähnt, den National Medical Advisory Service, der beklagten Firmen in MCS-Prozessen medizinische Gutachter zur Verfügung stellt.) Während der Konferenz beteiligten sich die Vertreter nichtstaatlicher Organisationen aus der Industrie und verschiedene externe Beobachter – aus dem Bundesumwelt- und dem Bundesgesundheitsministerium - geladene Teilnehmer, an der Diskussion, an der Abfassung von Vorschlägen und waren bei der Abstimmung über diverse Vorschläge anwesend (da die Stimmen nicht registriert wurden, besteht eine gewisse Unsicherheit darüber, wer tatsächlich abgestimmt hat. Einige der deutschen Beobachter waren direkt an einem größeren Prozeß beteiligt, in dem es um das "Holzschutzmittelsyndrom" ging (das Pentachlorphenol zugeschrieben wurde). (Zu einer Erörterung des Holzschutzmittelproblems siehe Ashford et al. 1995). Ein Vertreter einer nichtstaatlichen Organisation war ein Beschäftigter der Firma BAYER, die einer der Eigentümer von DESOWAG ist, einem Beklagten in dem Holzschutzmittelprozeß. Ein anderer Vertreter einer nichtstaatlichen Organsation, der bei der Konferenz anwesend war, äußerte sich offen kritisch gegenüber Ärzten, die MCS-Patienten helfen. Aus: "Exposition gegenüber chemischen Stoffen; Geringfügige Exposition und hohes Risiko"; Zweite Ausgabe 1998; Nicholas A. Ashford; Claudia S. Miller; VAN NOSTRAND REINHOLD Information zum sog. "WHO-Seminar" in Berlin 1996 Seite 1 / 1