In den USA und Kanada ist eine neue Gesundheitsstörung von vielen Bundesbehörden anerkannt: die «Multiple Chemical Sensitivity» (MCS); zu deutsch:
Chemikalienunverträglichkeit. MCS zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: Symptome lassen sich durch viele verschiedene Noxen auslösen, in Dosierungen und durch Stoffe, die von Toxikologie, lmmunologie und Allergologie bisher als unschädlich betrachtet wurden; die Symptome sind sehr vielfältig, betreffen aber immer auch das Nervensystem; der Schweregrad der Erkrankung ist sehr unterschiedlich und reicht von Befindlichkeitsstörungen bis zu,lebensbedrohlichen Zuständen.
Erste massenhaft auftretende Fälle dieser Krankheit wurden in den USA seit den 50er Jahren beschrieben und meist als Massenhysterie gedeutet. Diese Erklärung ist vereinzelt noch jetzt anzutreffen, gilt aber als überholt. Hellhörig wurde die «scientific community" als ausgerechnet bei der US-Umweltbehörde EPA nach einem Wechsel des Gebäudes aus kurzfristig Hunderten Fällen von SBS (Sick Building-Syndrom) langfristig Dutzende MCS-Fälle entstanden.Heute werden in den USA solche gehäuft auftretenden diffusen Krankheitsphänomene meist als Pestizid-, Sick Building- oder Chronic Fatigue-Syndrom verstanden, bei Heimkehrern aus dem Irak-Krieg auch als Golfkriegs-Syndrom.
Wissenschaftliche Erklärungen für MCS
MCS war in den USA und Kanada Thema staatlicher Gutachtenaufträge und diverser Konferenzen. MCS wird bisher meist auf eine von zwei Arten erklärt:
- entweder als psychosomatische oder psychiatrische Störung, wie: Hypochondrie, Hysterie, Toxikopie, post-traumatische Streßreaktion, Geruchskonditionierung, somatoforme Störung, Zwangsneurose, Depression und Massenhysterie oder als
- umweltbedingte Störung von Nerven-, Immun-, Hormon-, Bronchialsystem oder Stoffwechsel, wie: Nervenvergiftung, Erregungstoxizität , «neurogenic switching», «kindling» oder TDS, Infektion, Immunvergiftung, Hormonstörung, RADS, neurogene Entzündung , mangelnde Entgiftung und Porphyrinopathie
Die Hauptkontroverse besteht also darin, ob MCS primär eine körperliche oder psychische Krankheit ist. Denkbar wäre auch eine multifaktorelle Genese von MCS mit somatischen und psychischen Anteilen; oder MCS als gemeinsame Endstrecke verschiedener pathogener Prozesse; oder MCS als Oberbegriff für verschiedener Einzelkrankheiten mit unterschiedlichen Ursachen, wie Vergiftungen, Immunprozessen, Hormonstörungen, neuralen Funktionsveränderungen etc.
Die Datenlage zu MCS ist noch sehr unbefriedigend. Da es bisher kaum MCS-Forschung gibt, liegen zwar viele verstreute Ergebnisse vor - meist Fallberichte oder Fall-Kontroll-Studien -, die sich aber in der Regel nicht systematisch aufeinander beziehen. Die theoretischen Erklärungen für MCS stammen noch weitgehend aus Human- und Tierforschung mit anderer Thematik, die aber Übertragungen erlaubt. Epidemiologische MCS-Forschung über Art, Schweregrad, Mechanismen, Verlauf, Prognose und Verbreitung dieser Krankheit existiert praktisch noch nicht. Das Fehlen von epidemiologischem Wissen beruht auf einem Versagen des wissenschaftlichen und politischen Systems und ist kein Beleg für die Nicht-Existenz oder Irrelevanz von MCS.
In den USA hat sich für die Durchsetzung von Betroffenen-Interessen der Aufbau von Datenbanken über MCS-Kranke als sehr sinnvoll erwiesen. Dies war regelmäßig von WissenschaftlerInnen gefordert worden, da sich nur so das Argument entkräften ließe, daß MCS ein seltenes Individualproblem sei. Von Behördenseite war diese Forderung ebenso regelmäßig abgelehnt worden.
Im US-Bundesstaat Washington haben daraufhin Betroffene selbst mit dem Aufbau einer ,Northwest MCS-Database' begonnen, die in drei Jahren schon über 850 vermutete MCS-Fälle in Washington-State (Bevölkerung ca. 5,5 Mio) ausfindig machte. Interessant war neben der völlig unterschätzten Zahl der Betroffenen ihre starke Konzentration auf spezifische Arbeits- und Umwelt-Bedingungen: z.B. beim Flugzeughersteller Boeing (> 200), SchülerInnen und LehrerInnen mehrerer sanierter Schulen (>70), Beschäftigte in mehreren Bürogebäuden (> 40), Anwohnerinnen zweier Papierfabriken (>:40), FarmarbeiterInnen nach einem großflächigen Pestizideinsatz (> 20), Laborpersonal der Universität (> 20), Beschäftigte auf dem Flughafen von Seattle (> 15), FahrerInnen von Dieselbussen (> 10). Diese Erkenntnisse haben eine große politische Resonanz gefunden und das Arbeits- und Industrieministerium von Wahington-State veranlaßt, im Januar 1996 sechs Forschungsprojekte zu «Chemically Related lllnesses»(CRI) zu genehmigen.
Ich versuche, eine vergleichbare MCS-Datenbank in der BRD aufzubauen, und habe bisher (Stand: September 1997) etwa 400 Fälle gesammelt mit der Diagnose oder dem Verdacht auf MCS. Ziel ist die Ermittlung von «Clustern» (also Häufungen von Betroffenen) bei bestimmten Arbeits-, Umwelt- und Lebens-Bedingungen. Aus diesen lassen sich Hypothesen zur Krankheitsverursachung ableiten, die in weitere Forschung einfließen können. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß ausreichend viele Fälle (> 500) in die Datenbank eingehen.
Als Fazit der bisherigen Forschung lassen sich aus meiner Sicht zehn Thesen zu MCS aufstellen:
1. Die Empfindlichkeit gegen schädliche Umwelt- und Arbeitseinflüsse ist bei Menschen sehr unterchiedlich (bis zu mehreren Zehnerpotenzen).
2. Hohe Empfindlichkeit wurde schon früher beoachtet, oft medizinisch-moralisch gewertet (Hysterie, Hypochondrie; Rentenneurose);sehr empfindliche Personen gelten als "überempfindlich" und werden diskriminiert.
3. Gegenüber früher wird MCS heute einerseit besser wahrgenommen, tritt andererseits aber häufiger auf.
4. Bei weiter Definition kann MCS verschiedene Ursachen haben, die gemeinsame unspezifische Endstrecke verschiedener Krankheiten sind.
5. Nicht alle vorgebrachten Überempfindlichkeiten sind somatisch bedingt – einige sind psychisch bedingt (damit real), andere evtl. simuliert (damit nicht-real).
6. Umgekehrt sind viele angeblich primär funktionelle, psychische, psychosomatische oder psychiatrische Störungen durch Umwelt- und Arbeitsnoxen bedingt, aber falsch diagnostiziert.
7. Betroffene sind oft psychisch auffällig - meist nicht wegen psychischer Verursachung von MCS, sondern umgekehrt als psychische (Sekundär-) Reaktion auf Leiden und Diskrimination nach Auftreten von MCS.
8. MCS-Betroffene sind keine seltenen Ausnahmen; in BRD sind > 10.000 Betroffene anzunehmen.
9. Überempfindliche Reaktionen werden in verschiedenen Ländern verschieden beschrieben/ erklärt: Stress, psychosomatische Störung, Somatisierungsstörung, psychisches Trauma, CFS, ME, Alkohol- bzw. Drogen-Missbrauch, Lösemittel-, Holzschutzmittel-, Pestizid-, Pyrethroid-, Amalgam-, Sick-Building-Syndrom, etc. Viele MCS-Fälle sind hier eingeordnet.
10. MCS-Betroffene erhalten wenig soziale Unterstützüng, gelten als merkwürdig, lästig, abweichend; sie werden im Arbeits-, Umwelt-, Verbraucher- und PatientInnenschutz marginalisiert und per Psychosomatisierung und Psychiatrisierung aus Schutzsystemen hinausdefiniert.
Individuelle und soziale Bedeutung von MCS
Die in den USA und Kanada unter MCS beschriebenen Phänomene sind auch bei uns anzutreffen, wenngleich die Verbreitung bisher deutlich geringer ist. Es gibt inzwischen spezielle Selbsthilfegruppen für Chemikaliengeschädigte; daneben Selbsthilfegruppen für ähnliche Krankheitsbilder, wie Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS), Amalgam- und Palladium-Syndrom; weiterhin die Interessengemeinschaft für Holzschutzmittel-Geschädigte (IHG), die inzwischen auch Pyrethroid-Geschädigte organisiert. Wahrscheinlich gehören auch manche Patientinnen mit einer psychologischen, psychosomatischen oder psychiatrischen Diagnose eigentlich zu den MCS-Betroffenen.
Ein Grund für die zeitliche Verzögerung gegenüber Nordamerika ist vermutlich die, bei uns im Vergleich später einsetzende und bisher weniger umfassende Chemisierung vieler Produkte und Lebensbereiche. Allerdings ist die Verzögerung nicht groß und wird zunehmend kleiner. MCS-artige Phänomene werden hierzulande oft nicht als erworbene somatische Krankheit gewertet, sondern schlicht ignoriert, als alltägliches Formtief bagatellisiert, oder als altbekannte Gesundheitsstörung interpretiert: in leichten Fällen als Befindlichkeitsstörung, vegetative Dystonie, neurohormonelle Disregulation oder lästige Überempfindlichkeit ohne Krankheitswert; in schweren Fällen als psychosomatische Krankheit, hirnorganisches Psychosyndrom, Psychose oder genetischer Defekt.
Die sehr große Empfindlichkeit der MCS-Kranken wird gesellschaftlich meist als "Überempfindlichkeit" gedeutet, also als Normverstoß. Die darin anklagende moralische Verurteilung wird gestützt und gerechtfertigt durch Unterstellungen, daß die Krankheit letztlich selbstverschuldet sei oder zumindest einen hohen Eigenanteil habe. Dieses Vorverständnis ist zugleich erfahrungs- und ideologie-gesättigt, kann in einzelnen Fällen sogar richtig sein, ist aber als Kollektivurteil sicher falsch.
Darüber hinaus werden MCS-Kranke von ihrer Umwelt oft psvchopathologisiert. Die Kennzeichnungen hierfür werden der Psychiatrie entnommen; z.B. SimulantInnen, QuerulantInnen, HypochonderInnen, HysterikerInnen, NeurasthenikerInnen, NeurotikerInnen, PsychotikerInnen oder ChemophobikerInnen. Betroffene werden entsprechend belächelt, bedauert oder diskriminiert. Oft wird eine bewußte Täuschung der Umwelt unterstellt, um Vorteile zu erlangen; hier sind Bezeichnungen wie Rentenneurose historisch eingeführt. Solche Bewältigungsversuche des sozialen Umfelds erfolgen in Familie, Nachbarschaft und Betrieb, durch Angehörige, Nachbarn, Kolleginnen und ExpertInnen. Beispiele sind die bis unlängst populäre Psychiatrisierung von Holzschutzmittel-Opfern und Psychosomatisierung von Lösemittel-Opfern.
Die Psychopathologisierung erfolgt nach einem längeren, beidseitig frustrierenden, sozialen Prozeß, in dem sich die Fronten zunehmend verhärten. Anfangs suchen MCS-Betroffene nach Erklärung und Unterstützung. Reagiert die Umwelt mit Unverständnis, Ungläubigkeit oder Bagatellisierung, steigern sich Erregung und oft auch Symptomatik der Betroffenen. Sie reagieren gereizt; dies wird von der Umwelt als böser Wille öder Persönlichkeitsdefekt gedeutet und mit Schuldzuweisungen beantwortet. Betroffene werden so immer mehr zu AußenseiterInnen und zeigen abweichendes Verhalten. Sie können sozial so isoliert sein, daß sie die Reaktion anderer auf vergleichbare Belastungen gar, nicht mehr kennen. Eine gefährliche Psycho- und Soziodynamik kommt in Gang, deren harmlosestes Resultat noch die Wertung der hohen Empfindlichkeit als Überempfindlichkeit ist. Häufiger sind dagegen soziale Diskriminierung und - versteckte oder offene - Aggression (Mobbing).
Auch ÄrztInnen, als medizinische ExpertInnen, können sich durch Psychiatrisierung der Betroffenen, um das Eingeständnis eigener Hilflosigkeit herumdrücken. MCS-Kranke sind unbequem, anstrengend und überfordern schnell die ÄrztInnen, - was als Hinweis auf eine Störung der PatientInnen, nicht der ÄrztInnen, interpretiert wird.
MCS-Betroffene sind oft ExpertInnen-Killer. Auch bei anderen umweltbedingten Gesundheitsstörungen lässt sich häufig beobachten, daß anerkannte Betroffene überdurchschnittlich intelligent und sozialkompetent sind, trotz behaupteter oder bewiesener ZNS-Schädigung. Dies erscheint paradox, läßt sich aber so erklären: Diese Störungen sind bisher AußenseiterInnen-Krankheiten und werden nur von Außenseiter-ÄrztInnen diagnostiziert. Betroffene brauchen Hartnäckigkeit und Geschick, um diese Diagnose zu erhalten. Sie stellen daher eine positive Auswahl - nach Intelligenz und Sozialkompetenz - aus allen Betroffenen dar. Individuell mögen sie beachtliche intellektuelle und affektive Einbußen erlitten haben - war das Niveau vor Schädigung hoch, kann es auch danach noch überdurchschnittlich sein. Diese positive Auswahl betrifft nur aktive SelbstmelderInnen; bei aufsuchender Ermittlung von Betroffenen verschwinden diese Effekte weitgehend.
Gibson nennt MCS eine «unsichtbare Behinderung». Sie führe bei Betroffenen zu
- sozialen Einschränkungen:
Politischer Umgang mit MCS
In den USA ist die politische Auseinandersetzung mit MCS schon weiter. Der Vorwurf der Simulation wird kaum noch vorgebracht. Auch die pauschale Psychopathologisierung MCS-Kranker ist dort bei dem größeren Wissen um chemische Risiken und bei der stärkeren gesellschaftlichen Kontrolle ärztlichen Handelns (Qualitätssicherung, Haftung, Schadensersatz) nicht so leicht durchzusetzen.
Es gibt in den USA viele MCS-Betroffene, funktionierende regionale und nationale Betroffenen-Gruppen, eine heftige wissenschaftliche und politische Kontroerse und einen einigermaßen eingespielten Entschädigungsmechanismus auf - aber auch unterhalb der rechtlichen Ebene.
In der amerikanischen Öffentlichkeit ist das Thema MCS oft schon weitgehend «abgehakt». Im US-Bundesstaat Washington ist z.B. das vielerorts verfügbare Angebot von geruchsstoff-freien und hypo-allergenen Produkten (wie Waschmittel, Kosmetika) ebenso selbstverständlich, wie die strikte Durchsetzung rauchfreier Zonen. Ansprüche an die Qualität der Innenraumluft sind enorm gestiegen; die Festsetzung entsprechender Standards wird nicht mehr IngenieurInnen überlassen. VerbraucherInnen-Organisationen entdecken ständig neue Fronten im Kampf gegen MCS: z.B, die schlechte und oft pestizidhaltige Luft in Flugzeugen, übelkeitserregende Duftseiten in :Zeitschriften, Grundwasser-Verseuchung mit Pestiziden, rücksichtsloser Einsatz von Duftstoffen zur psychischen Beeinflussung poten tieller KäuferInnen oder exzessive Ungezieferbekämpfung in Wohnanlagen.
Mit dem Ziel der Kompensation wird eine MCS-Erkrankung inzwischen von der US-amerikanischen, Bundesregierung als Behinderung anerkannt, und ein Gesetz (ADA: Americans with Disability Act) legt ArbeitgeberInnen auf, behinderten-gerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen. Bei ArbeitnehmerInnen mit MCS kann dies bedeuten:
Reduzierung des Gebrauch von Chemikalien am Arbeitsplatz, vorherige Information bei Gebäudereparaturen und jedem Gebrauch von Pestiziden oder anderen Chemikalien, Einsatz von Luftfiltern am Arbeitsplatz, etc.
Das Problem ist hier die Feststellung des Krankheitsstatus. Wie und wann läßt sich mit ausreichender Sicherheit das Vorliegen einer MCS feststellen, wenn es dafür praktisch keine objektiven Meßverfahren gibt, und die Diagnose sich stark auf die Angaben der Betroffenen stützen muß? In praktisch jedem Fall kann es zum Streit der ExpertInnen kommen.
Auch der Versuch der Haftbarmachung von HerstellerInnen, ArbeitgeberInnen o.ä. führt in große Schwierigkeiten: Wie läßt sich ein Expositions-Status feststellen, wenn die relevanten Expositionen zum Teil gar nicht bekannt sind, und zugleich schon minimale Expositionen relevant sein können? Und die vorgeordnete Frage: Wie ist Haftung noch praktisch möglich, wenn Haftende nicht mehr wissen, was sie den KundInnen, ArbeitnehmerInnen o.ä, gefahrlos zumuten können, da die Personen so kraß unterschiedliche Empfindlichkeiten haben können? Cullen schlägt hier die Einrichtung von Gremien vor, oder sonstige Strategien, um die Subjektivität der einzelnen ExpertInnenurteile zu «normalisieren» ein wenig überzeugender, Versuch, Objektivität durch Intersubjektivität zu erreichen. Das Beispiel der unterschiedlichen wissenschaftlichen Akzeptierung der Malerkrankheit in Dänemark und Deutschland belegt, daß die «scientific communities» ganzer Länder irren können.
Wichtiger als die Kompensation ist die Prävention. Hier gilt, daß Umwelt- und Verhaltensveränderungen, die MCS-Kranken das Leben erleichtern, oft auch für «normale» Personen sinnvoll sind. Aktivitäten in diesem Bereich sind also immer sinnvoll, ungeachtet des genauen wissenschaftlichen Status und Umfangs des MCS-Problems. Allerdings können solche Umwelt- und Verhaltensänderungen oft sehr anstrengend und teuer werden.
Ein US-Gesetz (Occupational Safety and Health Act) fordert zwar, daß niemand durch Einwirkungen am Arbeitsplatz geschädigt werden darf. Auf dem Hintergrund von MCS könnte diese Forderung den Arbeitsschutz revolutionieren. Eine solche Denkart setzt aber Berechenbarkeit voraus: bei diesem Expositions-Niveau werden soviel Personen erkranken, bei jenem soviel. Diese Berechenbarkeit ist bei MCS nicht gegeben, weil MCS-PatientInnen nicht nur eine extreme Ausprägung in der natürlichen Bandbreite menschlicher Empfindlichkeiten darstellen, sondern einerseits auf minimale oder gar nicht-meßbare Expositionen reagieren, und andererseits auch qualitativ anders reagieren.
Angesichts dieses Dilemmas propagiert Cullen die Schaffung von «sicheren Umwelten» und Schonarbeitsplätzen für MCS-Kranke, analog den Einrichtungen für Körperbehinderte. Nur wo dies nicht möglich sei, sollten die Standards für Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherschutz allgemein angehoben werden. Prinzipiell lehnt er es aber ab, das allgemeine Schutzniveau an den Erfordernissen dieser Untergruppe der Bevölkerung auszurichten. Stattdessen sollte versucht werden, ihre Einschränkungen und Leiden finanziell zu entschädigen (Typ: Lastenausgleich).
Cullens Argumentation unterstellt, daß das MCS-Problem keine Beziehung zu anderen Gesundheitsproblemen hat; deshalb betont er den qualitativen Unterschied. Insoweit MCS-Betroffene aber doch ähnlich reagieren wie andere Personen - nur schneller und intensiver - und insoweit auch andere Gesundheitsprobleme durch Chemikalien ausgelöst werden, erscheint eine Doppelstrategie sinnvoller: einerseits Schaffung «sicherer Umwelten» für MCS-Betroffene, aber andererseits Einstieg in eine umfassende Reduzierung der Chemisierung von Umwelt und Arbeitswelt - also «Einstieg in den chemischen Ausstieg».
Auch bei uns in der BRD beschäftigt MCS inzwischen ÄrztInnen, ForscherInnen, Arbeits- und UmweltschützerInnen, GewerkschafterInnen, ArbeitgeberInnen, Kran kenkassen, PolitikerInnen, JuristInnen und JournalistInnen. Zwar ist die Krankheit in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, aber wenn das Informationsdefizit abgebaut wird, ist mit einer raschen Zunahme von Meldungen zu rechnen, u.a. durch Abbau des Meldestaus. Momentan sollen mehrere Bundesinstitute an einem Konsensuspapier zu MCS arbeiten, das Ärzteschaft und Versicherungswirtschaft demnächst vorgelegt werden wird.
Die medizinische und politische Anerkennung von MCS in der BRD ist eingeleitet, aber es muß mit einem langen Prozeß gerechnet werden (ähnlich wie bei der Anerkennung der Asbest-Erkrankungen), da keine geeigneten Regelungsstrukturen vorhanden sind, Deregulierung politisch auf dem Programm steht, die Zahl der Betroffenen als sehr gering angesehen wird, sinnvolle Kompensation und Prävention teuer wären, die , Kassen leer sind, die Krankenversicherungen nicht aus der Defensive herauskommen, die Regierungspolitik die Industrie finanziell und moralisch entlastet und die EG-Integration als zusätzliche Bremse wirkt.
Politisch funktionalisiert hierfür werden insbesondere Psychologie, Psychosomatik und Psychiatrie. Seit einigen Jahren wird das MCS-Konzept von dort her kritisiert; die damit bezeichnete Gesundheitsstörung soll in «Toxikopie» umbenannt und als psychosomatische Störung eingemeindet werden. Der «Spiegel» entdeckte im Herbst 1995 den «Ökochonder». Die Weltgesundheitsorganisation WHO (bzw. ihre Unterorganisation IPCS) veranstaltete Anfang 1996 in Berlin eine MCS-Tagung unter Beteiligung ausgewählter, oft industrienaher WissenschaftlerInnen, verschiedener Gesundheits-und UmweltbeamtInnen und (als VertreterInnen sogenannter Nicht-Regierungs-Organisationen) ChemiemanagerInnen.
Die Tagung kam zum Ergebnis, daß es (a) viele unerklärbare umweltbezogene Unverträglichkeiten mit großem Leidensdruck gibt, (b) die Ursache dieser bisher als MCS bezeichneten Gesundheitsstörungen unbekannt sei, (c) man sie daher besser mit «Idiopathic Environmental Intolerances» (IEI) bezeichnen solle und (d) eine verständnisvolle und unterstützende Behandlung angezeigt sei. Damit wurde eine chemische Verursachung/ Auslösung der Krankheit wieder weit in den Hintergrund gerückt und der Versicherungswirtschaft signalisiert, daß bei MCS-Verdacht auf aufwendige Diagnostik verzichtet werden könne.
Insgesamt ist weltweit eine Strategie der Industrie zu erkennen, einerseits gesundheitlich-politische Begriffe zu besetzen, neu zu schaffen oder inhaltlich neu zu belegen, und andererseits Institutionen mit gutem Namen (WHO, Johns-Hopkins-University, EPA) als Aushängeschild und Multiplikator für den Industrie-Standpunkt zu funktionalisieren.
Ausblick
Wenn das notwendige Wissen zu MCS in Zukunft vorliegen wird, ist zu erwarten, dass:
das heute breit definierte Syndrom MCS entlang bekannter Mechanismen in eine Reihe von unterschiedlichen Einzelstörungen differenziert wird
– die Abgrenzung gegenüber ähnlichen Syndromen verbessert wird, wie psychosomatischer Störung, Fibromyalgie, CFS, Lösemittel-, Sick-Building-, Pyrethroid-, Holzschutzmittel- und Amalgam-Syndrom
die Definition von MCS verengt wird, mit dem Effekt, dass von den heute (in den USA) als MCS bezeichneten Fälle ein Teil alten oder neuen psychischen oder somatischen Krankheiten zugerechnet wird, ein anderer Teil als Nicht-Krankheit ausgegrenzt wird und nur ein letzter Teil als Nicht-Krankheit ausgegrenzt wird und nur ein letzter Teil MCS im engeren Sinne darstellt – also ein Verlust an Fällen
aufgrund einer analog präzisierten Definition anderer Krankheiten mit ähnlichen Symptomen (z.B. psychosomatische Störung, Depression) MCS im engeren Sinne eine Reihe von Fällen aus diesen Krankheiten zugewiesen bekommt – also ein Gewinn an Fällen
Über die Häufigkeit dieses Phänomens läßt sich bisher nur spekulieren, es bestimmt auf jeden Fall das Leben einer Minderheit von Menschen. Trotz der gefürchteten finanziellen und sozialen Kosten ist Forschung hierzu sinnvoll: Sie kann - langfristig - den Betroffenen helfen; sie kann die mit der ungebremsten Chemisierung zu erwartende Zunahme weiterer Fälle vermeiden helfen; und sie kann schließlich durch MCS (ähnlich wie durch AIDS) auf unbekannte oder unbeachtete biologische Mechanismen aufmerksam machen, was neue Fragestellungen und Einsichten ermöglicht, vielleicht sogar Hilfe bei ungelösten Problemen der Medizin.
Prof. Dr. phil. Werner Maschewski, FH Hamburg, FB
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Auszug aus «Arzt und Umwelt» 1/98