ÖKO-TEST Dezember 2002 Test: Parfüms
Anrüchig
Alle Jahre wieder beschert das Weihnachtsgeschäft den Parfümherstellern satte Verkaufszahlen. Allerdings ist zu überlegen, ob man seinen Lieben mit einem Duftwasser wirklich einen Gefallen tut. Denn in allen von uns getesteten 25 Parfümen stecken bedenkliche Duftstoffe.
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In der kanadischen Provinz Nova Scotia haben Anti-Parfüm-Aktivisten ihr Ziel erreicht. Die Regierung verbannte Parfüms und dufthaltige Kosmetika aus fast allen öffentlichen Gebäuden. Auch einige amerikanische Unternehmen und Universitäten haben Geruchsrichtlinien erlassen. Der Grund: Viele Duftstoffe lösen Allergien aus. Bis zu 4,2 Prozent der Bevölkerung sind nach Studien aus Dänemark und Deutschland betroffen - allein hier zu Lande sind das bis zu 3,4 Millionen Menschen.
Ein paar Tropfen Parfüm genügen, um bei Allergikern die typischen Reaktionen auszulösen: juckende, rote Haut, in schweren Fällen sogar Bläschen, Blasen und nässende Hautbereiche. Bei besonders empfindlichen Menschen kann sich das Ekzem sogar auf den ganzen Körper ausdehnen.
Doch Kontakt-Ekzeme sind nicht die einzigen Reaktionen, die im Zusammenhang mit Duftstoffen auftauchen. Hohe Konzentrationen in der Luft können Augenbindehäute und Atemwege reizen. Besonders empfindliche Menschen reagieren dann mit Asthmaanfällen.
Von Mitte bis Ende der 90er-Jahre stellte der Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK), dem 42 Krankenhäuser im deutschsprachigen Raum angehören, eine steigende Zahl von Duftstoff-Allergien fest. Eine Entwicklung, die überall in Europa beobachtet wurde. Der IVDK verfügt mit mehr als 100000 Patienten über die weltweit größte Datenbank zu Kontaktallergien. Der Verbund erfasst jährlich Daten von etwa 10000 Patienten.
Das wissenschaftliche Beratungsgremium der EU, das Scientific Commitee on Cosmetic Products and Non-Food Products Intended for Consumers (SCCNFP), empfiehlt eine Deklarationspflicht für 26 Duftstoffe. Diese hätten sich in klinischen Studien als die Stoffe erwiesen, die am häufigsten Allergien auslösen. Mitte Dezember wird das Europäische Parlament über die Deklarationspflicht abstimmen. Von 14 Stoffen der SCCNFP-Liste ist die allergene Wirkung wissenschaftlich sehr gut nachgewiesen. Zu den weiteren zwölf Stoffen gibt es noch kaum Studien. Der Leiter des IVDK, Privatdozent Dr. Axel Schnuch, hält sogar einige Substanzen der Liste wie Benzylbenzoat nicht für sensibilisierend. Um mehr Klarheit zu erhalten, wird der IVDK 2003 eine umfassende Studie zu den 26 Duftstoffen auf der EU-Liste durchführen.
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Pünktlich zur Vorweihnachtszeit haben wir 25 Düfte in die Labore geschickt. Diese ließen wir erstmals auch auf jene 14 Allergie auslösenden Duftstoffe der SCCNFP-Liste testen, zu denen es gesicherte wissenschaftliche Daten gibt.
Das Testergebnis
"Sehr gute" Produkte gibt es nicht. Nur das Emporio Armani white und Hugo Boss Woman haben mit "gut" abgeschnitten. Dagegen erhielten 17 Parfüms die Note "ungenügend".
Kein Wunder, dass so viele Menschen auf Parfüm allergisch reagieren: 22 Marken enthalten einen oder mehrere Allergie auslösende Duftstoffe, die auf der SCCNFP-Liste stehen.
In 20 Parfüms stecken polyzyklische Moschus-Verbindungen, die in Tierversuchen Hinweise auf Leberschäden gaben. Im Chanel N§ 5 von Chanel und im Joop! Le Bain von Lancaster fanden die beauftragten Labore bedenkliche Nitromoschus-Verbindungen.
In 20 Parfüms fanden die von uns beauftragten Labore gesundheitsschädliches Diethylphtalat, das zur Vergällung des Alkohols dient. In 15 Fällen lag der Wert sogar weitaus höher als 1000 mg/kg. Negative Spitzenreiter sind Trésor von Lancome und Eternity von Calvin Klein mit jeweils 18000 mg/kg.
In acht der untersuchten Parfümes stecken halogenorganische Verbindungen. Viele dieser Stoffe können Allergien auslösen, manche erzeugen Krebs.
Das haben wir untersucht
Anilin ist ein Farbstoff-Baustein aus der Gruppe der aromatischen Amine. Im Tierexperiment ist Anilin Krebs erzeugend.
Diethylphthalat wird unter anderem zur Vergällung von Alkohol eingesetzt. Es wird von der Haut aufgenommen und beeinträchtigt ihren Schutzmechanismus. Phthalate stehen im Verdacht, Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane zu schädigen und zudem wie ein Hormon zu wirken.
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Allergie auslösende Duftstoffe können bei bis zu 4,2 Prozent der Bevölkerung Allergien hervorrufen und bei den Betroffenen Augenbindehäute sowie Atemwege reizen. Von den 14 Duftstoffen Amyl cinnamal, Amylcinnamylalcohol, Benzylalcohol, Benzylsalicylate, Cinnamylalcohol, Cinnamal, Citral, Coumarin, Eugenol, Geraniol, Hydroxycitronellal, Lyral, Isoeugenol und Eichenmoos ist die Allergie auslösende Wirkung in wissenschaftlichen Studien belegt.
Halogenorganische Verbindungen sind eine Gruppe von Stoffen, die Brom, Jod oder (meistens) Chlor enthalten. Viele gelten als Allergie auslösend, manche erzeugen Krebs oder reichern sich in der Umwelt an.
Polyzyklische Moschus-Verbindungen sind künstliche Duftstoffe, die sich im menschlichen Fettgewebe anreichern können. Tierversuche geben Hinweise auf Leberschäden.
Nitromoschus-Verbindungen sind künstliche Duftstoffe, die sich im menschlichen Fettgewebe anreichern können. Moschus Ambrette gilt als Nerven und Erbgut schädigend, die Substanz ist in der EU verboten. Der Einsatz der Nitromoschus-Verbindungen Moschus Xylol und Moschus Keton ist nur eingeschränkt zugelassen.
PVC/PVDC/chlorierte Kunststoffe belasten die Umwelt bei Herstellung und Entsorgung.
Bedenkliche UV-Filter: Die häufig verwendeten UV-Fil-ter 4-Methyl-Benzylidencamphor (4-MBC bzw MBC), Octyl-Methoxycinnamate (OMC), Benzophenone-3 (Oxybenzon), Homosalate (Homomenthylsalicylat beziehungsweise HMS) und Octyl-Dimethyl-Para-Amino-Benzoic-Acid (OD-PABA) sind in den Verdacht geraten, wie Hormone zu wirken. Sie werden über die Haut aufgenommen und sind in der Muttermilch nachzuweisen. Benzophenone-3 (Oxybenzon) wirkt zudem stark allergisierend.
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Hormongifte im Menschen nachgewiesen
Die Forschung hat bewiesen, wovor ÖKO-TEST die Verbraucher bereits seit Jahren warnt: Wissenschaftler am Institut für Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg haben erstmals in Deutschland hormonell wirksame Weichmacher im menschlichen Urin nachgewiesen.
Als besonders gefährlich gilt Diethylhexylphthalat, kurz DEHP. In den USA ist es als "ernsthaft bedenklich für die menschliche Fortpflanzung" eingestuft, besonders Männer sind gefährdet. Das erschreckende Ergebnis der Erlanger Studie: Die Menge an DEHP im Körper überschritt in zwölf Prozent der Fälle den von der EU festgelegten Vorsorgewert. Über dem strengeren US-amerikanischen Vorsorgewert lagen gar 30 Prozent der deutschen Probanden.
"Ich kenne kein anderes Umweltgift, das die vorgegebenen Werte derart häufig überschreitet", erklärt Prof. Dr. Jürgen Angerer, Leiter der Studie. Dabei wurden nicht einmal Risikogruppen wie Kleinkinder, die alles in den Mund nehmen, oder Patienten, die im Krankenhaus an Infusionsschläuchen aus Plastik hängen, untersucht. Besonders pikant: "Die Kunststoff-Industrie hat die Ergebnisse nicht in Frage gestellt, sie ist sich dieser Belastung voll bewusst", berichtet Holger Koch vom Institut für Umweltmedizin, der das Projekt bearbeitete. In Deutschland werden jährlich zwei Millionen Tonnen DEHP und andere Phthalate produziert. ÖKO-TEST warnt bereits seit Jahren davor, dass sie sich im Körper anreichern und kritisierte immense Giftmengen in Wickelauflagen und Planschbecken, Badelatschen, Ohrstöpseln, PVC-Böden und Verpackungen. Auch das von uns in Parfüms nachgewiesene DEP ist ein Phthalat. Es wird unter anderem eingesetzt, um Alkohol ungenießbar zu machen. So sparen die Parfüm-Hersteller die Brandtweinsteuer. Sie könnten zum Vergällen des Alkohols problemlos auch unbedenkliche, etwas teurere Stoffe einsetzen.
DEP (Diethylphthalat) wird derzeit in wesentlich geringeren Mengen produziert als DEHP. Es reichert sich aber ebenso im menschlichen Körper an. (sf)
So haben wir getestet
Der neue Test auf Allergie auslösende Duftstoffe war eine Herausforderung für unser Labor. Die Schwierigkeit bestand darin, an die zu testenden Stoffe heranzukommen. Denn die Duftstoff-Hersteller haben kein Interesse daran, diese Substanzen weiterzugeben. Um neue Stoffe erkennen zu können, muss das Analysegerät jedoch darauf geeicht werden.
Gemessen werden Allergie auslösende Duftstoffe wie auch Moschus-Verbindungen und Diethylphtalat mit einem so genannten Gaschromatographen (GC). Das Parfüm wird durch Erhitzen in Gas verwandelt und fließt durch eine 30 Meter lange Spirale.
Das Gerät zeigt Stoffe an, die nach einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Menge durchlaufen. Ein spezieller Detektor, genannt Massenspektrometer (MS), rechnet die Daten aus. Diese sehr zuverlässige, kombinierte Messmethode heißt deshalb kurz GC/MS.
Autor: Sabine Demm
©2002 by ÖKO-TEST Verlag GmbH, Frankfurt
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